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Musahiplik (Weggemeinschaft)

Was ist Musahiplik (Weggemeinschaft)?

Wann und unter welchen Bedingungen ist sie entstanden?

Als Musahiplik (Weggemeinschaft) wird die Jenseitsbruderschaft/ Schwesternschaft im Wertesystem des Alevitentums bezeichnet. Im Alevitentum nimmt die Weggemeinschaft eine weit über die leibliche Geschwisterschaft hinausgehende Stellung ein.

Beim Musahiplik schlagen die Musahips (Bruder/ Schwestern) einen gemeinsamen Weg ein. Sie folgen dem gleichen Wertesystem, befinden sich auf der gleichen seelischen Ebene und vertreten die gleichen Meinungen und teilen dieselben Gefühle. Sogar leibliche Geschwister tragen keine Verantwortung für die Lebenserhaltungskosten der eigenen Geschwister oder anderer Personen, ist dies jedoch beim Musahiplik anders. Die Musahips sind nicht nur für den Lebensunterhalt, sondern auch für die restlichen Ereignisse im Leben des anderen, seien sie negativ oder positiv, mitverantwortlich. Sie müssen es nicht nur gemeinsam teilen, sie sind sogar mehr für das Leben des anderen verantwortlich als für das eigene.

Musahiplik ist eine Bruderschaft/Schwesternschaft, deren Gültigkeit weit über die weltlichen Grenzen hinaus bis in das Universum ragt. Diese Vereinigung bleibt stets vorhanden und ist als unendlich zu verstehen. Diese Verbindung dient nicht nur zum Wohle des Einzelnen, sondern auch der Gesellschaft. Dies ist eine der Grundsäulen der alevitischen Gesellschaft. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft basiert auf Respekt, Toleranz und dem friedlichen Miteinander. Musahiplik ist so gesehen das Fundament dieser harmonischen Lebensweise innerhalb der alevitischen Gemeinschaft.

Nun werden wir versuchen, unter Berücksichtigung all dieser für die Aleviten wichtigen Aspekte, das für das Alevitentum existentielle Musahiplik zu erläutern. Grundsätzlich ist es wichtig, abgesehen von der Kenntnis und dem Verständnis der theoretischen Begriffe, dass Musahiplik in der Praxis gelebt und an die weiteren Generationen übermittelt wird.

Zur geschichtlichen Entstehung und Entwicklung des Musahiplik können wir folgende Kenntnisse weitergeben: Der Begriff „Musahip“ stammt aus dem Arabischen und bedeutet  Freundschaft. Im Alevitentum wird der Begriff jedoch als Weggemeinschaft und Bekenntnis der alevitischen Lehre definiert. Die scheinbar weltliche Entstehung wird in den alevitischen Quellen generell in die Zeit nach dem Hicret des Propheten Hz. Muhammed zurückgeführt. Auch wenn einige Quellen die Entstehung zeitlich bereits auf die ersten zum Islam bekehrten Menschen in Mekka zurückführen, geht die überwiegende Mehrheit davon aus, dass Musahiplik in der Zeit in Medina verorten ist. Sicherlich gibt es auch noch weitere spirituelle Aspekte. Da wir jedoch keinen tiefer gehenden, sondern nur einen kurzen, zusammenfassenden Einblick geben möchten, beschränken wir uns an dieser Stelle ausschließlich auf die aufgeführten Aspekte. Interessierte können sich aus den alevitischen Quellen umfassendere Informationen einholen.

Hz. Muhammed wanderte durch den Druck der  damaligen Heiden aus Mekka aus und folgte der Einladung aus Medina. Die Muslime versammelten sich dadurch in Medina und nach dem Hicret (Übersiedlung Mohammeds nach Medina im Jahr 622) entwickelte sich Medina zum Zentrum der Muslime. Durch diese Übersiedlung entstanden zwei Gruppen. Auf der einen Seite war es die Gruppe von Einheimischen (Ensar-Helfer) und auf der anderen Seite die Gruppe der neu Eingewanderten (Muhacir–Glaubensflüchtlinge). Es kam unweigerlich zu einer gesellschaftlichen Spaltung. Die Ensar genossen alle Vorteile, die das „Eingeborenenrecht“, das in der damaligen Zeit nicht unüblich war, mit sich brachte. Im Gegensatz dazu mussten die Glaubensflüchtlinge Entbehrungen in allen Bereichen hinnehmen.  Auch der Druck der Heiden und Andersgläubigen verschlechterte die Lage noch mehr. Musahiplik entstand in dieser Zeit unter schwierigsten Bedingungen. Die Grundlagen und die Entwicklung der Weggemeinschaft wurden von Hz. Mohammed im Koran unter der Enfal Sure (Die Verderblichkeit des Krieges) 72,73,74,75 aufgeführt. Dementsprechend wurde die Wegbruderschaft zwischen einem Ensar (Helfer) und einem Muhacir (Glaubensflüchtlinge) angenommen und der Bund der Weggemeinschaft geschlossen. Somit wurde zwischen einem Eingeborenen (Ensar) und dem Fremden (Muhacir) eine von beiden Seiten ausgehende Weggemeinschaft geschlossen und sie wurden zu Wegbrüdern. Erst durch die Weggemeinschaft erhielten die mittellosen, eingewanderten Fremden (Muhacir) Muslime die Möglichkeit sich am Ackerbau und den Reichtümern der Eingeborenen (Ensar) zu beteiligen. Zudem wurde damit den Weggefährten die Verpflichtung übertragen, im Todesfall des Wegbruders, dessen Familie als die seinige anzunehmen und für sie zu sorgen. Hz. Muhammed legte die Wegbruderschaften höchst persönlich fest. Auch wenn es keine sicheren Angaben zur Anzahl der ersten Weggemeinschaften gibt, kann man jedoch davon ausgehen, dass die Anzahl die ersten Musahips weit über die Hundert waren.

Vorgeschrieben war die Weggemeinschaft zwischen einem Eingeborenen (Ensar) und dem Fremden (Muhacir). Aus diesem Grund hatten viele Eingeborene (Ensar) den Wunsch, den Bund mit Hz. Muhammed zu schließen. Jedoch wählte Hz. Muhammed sich Hz. Ali als Musahip. Diesbezüglich gibt es sehr viele Literaturquellen, wir möchten hier nur eine kurze Zusammenfassung dessen geben.

Wir haben hier nur einige zusammengefasste Informationen zur Entstehung und Entwicklung des Musahiplik präsentiert. Zum besseren Verständnis des Musahiplik und deren Umsetzung in die Praxis möchten wir auch einige spirituellen und mystischen Sichtweisen kurz vortragen. Die spirituelle und mystische Definitionen und Auffassungen des Musahiplik unterscheiden sich von der scheinbaren, ersichtlichen weltlichen Definition. In der religiösen Auffassung wird davon ausgegangen, dass die Schließung dieses Bundes bereits vor der Entstehung des Universums, also vor dem „Bezm-i Elest” (Rat der Seelen) erfolgt ist. Fragte der allmächtige Schöpfer den Rat der Seelen: „Bin ich euer Gott?“ Und erhielt von diesem Rat ein „Ja“ als Antwort. Daraufhin erschuf Allah auf diese Antwort hin das Universum.

Aus diesem Grund stellt es die Weiterführung des „Bezm-i Elest” dar. Das Musahiplik von Hz. Muhamed und Hz. Ali wird vor den „Vierzigern” (die Vierziger [Kırklar] sind die verborgenen Heiligen im Alevitentum) vollzogen. Es wird auch übermittelt, dass der Boden mit dem Himmel und der Erzengel Gabriel (Cebrail) mit Adam (Hz. Adem) die Weggemeinschaft geschlossen haben. Zudem gibt es noch Übermittlungen darüber, dass Moses (Hz. Musa) mit Aron (Harun) und auch Moses mit Hizir, die zwölf Apostel untereinander, eine vergleichbare Vereinigung eingingen.

Wir haben versucht, einen zusammenfassenden Einblick aus der scheinbaren, weltlichen, erkennbaren und der spirituellen / mystischen Sicht in die Entstehung und Entwicklung des Musahiplik zu ermöglichen. Als Schlussfolgerung möchten wir erneut unsere Angaben betonend darauf hinweisen, dass das Musahiplik von Hz. Muhammed und Hz. Ali übermittelt wurde. Die Auswahl eines Musahips und das Anerkennen des Gelübdes sind einer der Wegpfeiler des Weges von Muhammed und Ali. Soweit es ihm möglich ist, hat jeder Alevite die Pflicht, eine Weggemeinschaft einzugehen. Bei der Auswahl des Weggefährten sollte grundsätzlich beachtet werden, dass diese Weggemeinschaft eine weit über die leibliche Geschwisterschaft hinausgehende und bis zum Ableben andauernde Gemeinschaft ist. Die Auswahl der Musahips sollte dementsprechend erfolgen. Das Musahiplik muss aus freien Stücken und eigenem Willen eingegangen werden. Natürlich steht die freiwillige Auswahl des Musahip nicht im Wiederspruch den Ratschlägen der Eltern, der Pir, dem Rehber oder dem Mursit. Die Musahip müssen nach der Entscheidung eine Weggemeinschaft eingehen, die im Rahmen eines Gottesdienstes besiegelt wird. Daraufhin werden die Musahip von den Gelehrten erneut auf die hohen, schwierigen Anforderungen, die die Weggemeinschaft mit sich bringt, hingewiesen und ihnen wird das Gelübde abgenommen. Mit dem Gelübde wird den Weggefährten ermöglicht, den spirituellen/mystischen Tod und die Neugeburt der Seele zu erleben (ölmeden ölmek). Dieser Schritt eröffnet den Weggefährten einen Weg zu einem neuen Leben, auf dem sie reifen und somit die Vervollkommnung der Seelen erreichen können. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der einen Pir (alevitischer Geistlicher) Rehber (Wegweiser), Mursid (Lehrer, Meister) hat. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der das Gelübde ablegen, im spirituellen Sinn den Tod erleiden und die Neugeburt der Seele (ölmeden ölmek) erleben darf. Glücklich kann sich derjenige schätzen, der diesen Weg beschreitet und vollkommen in dessen Sinn lebt.

Remzi Kaptan

 

 


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